Bei der Olympiade 2012 in London wurden sie erstmals einer breiten Öffentlichkeit bekannt – Tapes, die wie Tattoos wirken. Doch was dahinter steckt, ist weit mehr als ein Kosmetikum. Sportphysiotherapeut Marco Congia wendet das neue „Dynamic Tape“ mit Erfolg in seiner Praxis an. Erfahren Sie, wodurch sich die neue Taping-Methode auszeichnet und welche Einsatzmöglichkeiten sich im Profisport bieten.

Dynamic Tape schließt eine Therapie-Lücke

Die Wirkung von starren Sport-Tapes, wie viele andere Sportphysiotherapeuten bisher verwendeten, beruht primär auf neurophysiologischen Mechanismen: Die Haut wird durch das Tape angehoben, die Mikrozirkulation im Gewebe wird gefördert, der Druck auf schmerzempfindliche Strukturen vermindert sich. Darüber hinaus können starre Tapes den Bewegungsradius passiv einschränken und auf diese Weise etwa Fehlhaltungen korrigieren. Die Kehrseite: Komplexe Bewegungsabläufe wie ein Ballwurf können in der Folge nicht mehr ungehindert ausgeführt werden. Aus diesem Grund gerät die konventionelle Taping-Technik im Profisport an ihre Grenzen – zumindest, wenn der verletzte oder durch Schmerzen beeinträchtigte Sportler weiterhin im Einsatz bleiben soll.

Aus Sicht vieler Sportphysiotherapeuten schließt das neuartige Dynamic Tape eine Lücke: Von den bisher am Markt vertretenen Tapes unterscheidet es sich in erster Linie durch seine hoch elastischen Eigenschaften – es ist bis zu 200 Prozent dehnbar. Anders als etwas das Kinesio-Tape besitzt es keinen starren Endpunkt. Das Band ist in alle vier Richtungen elastisch, so dass für den Sportler der volle Aktionsradius selbst bei Extrembewegungen erhalten bleibt. Marco Congia empfiehlt das Dynamic Tape daher zur Prävention und Haltungskorrektur sowie zur Therapie von Muskel- und Sehnenverletzungen im Profisport.

Chronische Überbeanspruchung im Profisport weit verbreitet

Wie kann ein äußerlich am Körper angebrachtes Tape Verletzungen vorbeugen oder die Heilung unterstützen? Dazu muss man sich zunächst vor Augen führen, aus welchen Gründen es im Profisport zu Muskel- und Sehnenverletzungen kommt. Ausschlaggebend ist in der Regel eine zu hohe Beanspruchung von Gewebestrukturen. Dabei kann es sich um eine einmalige Krafteinwirkung handeln, häufig ist jedoch die kumulative Wirkung einer länger anhaltenden intensiven Beanspruchung die Ursache von Verletzungen.

Ein zusätzlicher Risikofaktor ist nach Beobachtungen von Sportphysiotherapeut Marco Congia eine suboptimale Technik, welche die biomechanische Belastung von Gelenken und Weichteilen nochmals verstärkt und damit das Verletzungsrisiko erhöht. So erfordern etwa Ballsportarten wie Baseball, Volleyball, Handball oder Tennis die Ausführung komplexer Bewegungsabläufe – angefangen von der Beinarbeit über die Rotation des Oberkörpers bis hin zur Wurfbewegung selbst. Jede Dysbalance im Bewegungsablauf erhöht die Kräfte, die auf Muskeln, Sehnen oder Gelenke einwirken, und führt früher oder später zu Problemen an anatomischen Schwachpunkten wie Ellbogen, Schulter, Knie oder Sprunggelenk.

Belastungen im Grenzbereich stehen im Profisport an der Tagesordnung. Hohe Trainingsintensitäten und geringe Regenerationszeiten führen im Laufe einer Saison, aber auch im Laufe der Karriere eines Profisportlers regelmäßig zu Überlastungsreaktionen und chronischen Schmerzen. Eine Folge dieser andauernden Überlastung sind auch Defizite in der Propriozeption und Körperwahrnehmung. Dadurch erhöht sich das Verletzungsrisiko nochmals.

Die Wirkung des Dynamic Tape

Das neue Dynamic Tape kann dazu beitragen, eine übermäßige Beanspruchung von Gelenken und Weichteilen zu reduzieren, wie sie im Profisport weit verbreitet ist. Erreicht wird dies nicht primär durch neurophysiologische, sondern durch biomechanische Wirkungen entlang der kinetischen Kette.

Vereinfacht ausgedrückt, entfaltet das hoch elastische Dynamic Tape am Körper des Athleten eine ähnliche Wirkung wie ein Gummiband zwischen zwei Hebelarmen. Diesen direkten „Gummiband-Effekt“ erzielt , indem er das Dynamic Tape in einer verkürzten Gelenks- oder Muskelhaltung und damit unter Spannung am Körper positioniert. Wird der entsprechende Körperteil gestreckt, so dehnt sich das Dynamic Tape und übt dabei zugleich einen Widerstand aus. Durch die daraus resultierende Verzögerung werden die Belastungsspitzen reduziert, die bei Bewegungen wie Würfen oder Sprüngen auf Bänder, Muskeln und Gelenkkapseln einwirken.

Zugleich wird die zum Strecken des Dynamic Tape benötigte Energie als elastisches Energiepotential bewahrt. Sobald sich das Tape wieder verkürzt, wandelt sich dieses elastische Energiepotential in kinetische Energie um – die Kontraktion des Muskels oder der Sehne wird auf diese Weise durch das Dynamic Tape äußerlich unterstützt und erleichtert. Technisch saubere Bewegungsabläufe werden so gefördert und die Ermüdung von Muskeln und Bändern hintan gehalten. Darüber hinaus bewirkt das  Tape eine andauernde sensorische Stimulation, wodurch sich die Propriozeption und Körperwahrnehmung verbessert und sich das Verletzungsrisiko weiter reduziert.

Somit entsteht eine effiziente biomechanische Unterstützung von komplexen Bewegungsabläufen sowie eine Stabilisierung von Körperstellungen oder Haltungspositionen. Überbeanspruchungen werden durch den Widerstand des Dynamic Tape unmittelbar reduziert, ohne dass der Athlet dazu gezwungen ist, seine Technik umzustellen.

Neben dieser direkten Reduktion von Überbeanspruchungen durch den „Gummiband-Effekt“ bestehen auch indirekte Möglichkeiten der Verletzungsprophylaxe. Es kann auch etwa dazu eingesetzt, fehlerhafte oder suboptimale Bewegungsabläufe sanft zu korrigieren.unterstützt Therapie von Sportverletzungen

Einer raschen Rehabilitation nach Sportverletzungen kommt im Profisport hohe Bedeutung zu. Therapeutisch setzt man die neuartige Tape-Technik nicht nur zur Prävention, sondern auch zur Therapie von Verletzungen – wie etwa Schleimbeutelentzündungen oder Sehnenscheidenentzündungen – ein. Durch eine effiziente und gezielte Unterstützung von Körperstellungen oder Bewegungsabläufen wird das Gewebe entlastet und die motorische Kontrolle über die verletzte Extremität erleichtert. Auf diese Weise wird Schmerz reduziert und die Muskelfunktion verbessert.

Maßgeschneiderte Therapie und Prävention mit dem Dynamic Tape

Die Taping-Techniken, die  in der Praxis angewendet werden, beruhen auf einer umfassenden Beurteilung jedes Einzelfalls sowie auf fundierten klinischen Erfahrungen. Dazu ist es unter anderem erforderlich, suboptimale oder abweichende Bewegungsmuster des Sportlers zu identifizieren sowie die Art und den Schweregrad pathologischer Veränderungen zu berücksichtigen. Sobald ein klares Ziel der Behandlung definiert wurde, kann eine maßgeschneiderte Taping-Therapie entwickelt werden. Für den Effekt des Dynamic Tape sind multiple Faktoren wie Rotationsachsen und Zugkräfte sowie die exakte Positionierung entscheidend. Der Erfolg der Behandlung wird werden regelmäßig evaluiert.

Bei Bedarf wird  ein mehrfach geschichtetes Dynamic Tape eingesetzt ,das auch unter der Bezeichnung PowerBandTM bekannt ist. Diese Tape-Variante setzt Bewegungen einen verstärkten Widerstand entgegen und baut folglich auch ein höheres elastisches Energiepotential auf.

Vielfältige Anwendungsmöglichkeiten im Profisport

Das Tape ergänzt und erweitert die bisherigen Therapieoptionen bei Überbeanspruchungen und überlastungsbedingten Verletzungen im Profisport. Der Anwendungsbereich ist breit und erstreckt sich nicht nur auf die Extremitäten, sondern auch auf den Rumpf.

Eine klinisch belegte Anwendungsmöglichkeit betrifft etwa Achillessehnenverletzungen – ein im Profisport und verbreitetes Problem. Eine Tendopathie der Achillessehne geht üblicherweise mit degenerativen Veränderungen, Mikroläsionen und lokalen Schwellungen einher – typisch sind Schmerzen im hinteren Sprunggelenksbereich. Die Belastung von Wade, Achillessehne und Bindegewebe kann durch eine direkte Taping-Technik mithilfe des PowerBandTM deutlich reduziert werden. Dazu wird das Dynamic Tape unter Spannung bei gebeugtem Sprunggelenk und Knie angelegt. Sobald sich Fuß und Knöchel in Dorsalflexion befinden, dehnt sich das Tape und reduziert durch seinen Widerstand die Beanspruchung von Wade und Achillessehne. Ein transversal am Fuß angebrachter Tape-Streifen hebt zugleich das Kahnbein an.

Die Wirkung dieser Taping-Technik beruht offenbar sowohl auf direkten als auch auf indirekten biomechanischen Wirkungen. Einerseits übernimmt das Dynamic Tape durch die Verzögerung der Dorsalflexion sowie die Unterstützung der Plantarflexion faktisch die Funktion von Wade und Achillessehne. Andererseits trägt das Tape auch indirekt zur Entlastung des Fußes bei. Durch die Zugwirkung wird der Fuß verkürzt, das Fußgewölbe erhöht sich und die Absenkung des Kahnbeins wird reduziert. Beim Auswärtsdrehen des Fußes wird damit eine stabile Hebelwirkung gewährleistet.

Degenerative Veränderungen sind häufig mit einer Überdehnung und übermäßigen Nachgiebigkeit der Achillessehne assoziiert. Das Dynamic Tape kann die Funktion der Sehne äußerlich übernehmen und so eine bessere Kraftübertragung gewährleisten. Darüber hinaus wird durch die unmittelbare Entlastung des Fußes eine weitere Überdehnung der Achillessehne verhindert.

Es erweitert durch seine einzigartigen Eigenschaften somit die Präventions-, Therapie- und Rehabilitationsmöglichkeiten im Profisport. Sportphysiotherapeuten wenden die Technik mit Erfolg als Bestandteil eines umfassenden Behandlungsplans an. Im Unterschied zu den bisher bekannten Tape-Techniken beruht die Wirkung nicht primär auf neurophysiologischen, sondern auf biomechanischen Grundlagen. Vielversprechend ist der Einsatz überall dort, wo die kumulative Wirkung einer andauernden Überbeanspruchung von Beginn an reduziert werden soll. Aber auch die Therapie von Sportverletzungen und die anschließende Rehabilitationsphase könnte durch das Dynamic Tape künftig effizienter gestaltet werden.
Quelle 1 Dynamic_Tape_and_pitching_1_.pdf
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